StartseiteErstausgabeKritik Heide Niemann

Missbrauch

Ulla Fröhling:
Vater unser in der Hölle
Kallmeyersche Verlagsbuchhandlung: Velber 1996, DM 39,80

Ich bin nicht ganz sicher, aber ich glaube inzwischen, daß ich als Lehrerin Mädchen in meiner Klasse hatte, die sexuell mißbraucht wurden. Ich kann mich an ein diffuses Unbehagen erinnern, wenn es um die zwei Mädchen ging, es gab nichts Greifbares, es gab nur so etwas wie einen Verdacht, daß mit den Mädchen irgendetwas "nicht stimmte". Das ist mehr als zwölf Jahre her. Ich bin damals überhaupt nicht auf den Gedanken gekommen, eine derartige Verbindung herzustellen, ich wußte ja auch darüber so gut wie nichts. Wieder wach wurde die Erinnerung an diese Mädchen und an die damit verbundenen Gefühle durch die Lektüre des Buches "Vater unser in der Hölle". Ein Buch über Angela Lenz, eine junge Frau, die seit früher Kindheit mißbraucht wurde. Um sich vor der Wirklichkeit, der sie nicht entkommen kann, zu schützen spaltet sie sich in viele unterschiedliche Persönlichkeiten, multiple Persönlichkeiten, auf.

Bemüht, dieses Buch abständig zu lesen, um nicht in einen Sog gerissen zu werden, habe ich es so gelesen, als ob da etwas beschrieben wäre, was mit der mir vertrauten Welt gar nichts zu tun hat. Aber es hat mich eingeholt, plötzlich habe ich gemerkt, daß ich mittendrin war, auf der Seite der Opfer, auf der Seite derer, die wohl auch heute noch ständig übersehen und mißachtet werden. Und da tauchten dann die Gesichter der beiden Mädchen auf. Hätte ich das Buch schon damals gelesen, wäre ich sicherlich in der Lage gewesen, Fragen zu stellen, genauer zu beobachten, mich mit Kolleginnen und Kollegen auszutauschen. Ich stoße in der Zeitung heute ständig auf Verstöße gegen Kinder, ich lese über das Leid, das ihnen zugefügt wird, das sind Fakten. Es ist das Verdienst dieses Tatsachenberichtes, daß hier eine junge Frau, die selbst durch diese Hölle gegangen ist, berichtet. Ich weiß nicht, wie die Verfasserin Ulla Fröhling es durchgehalten hat, all die Recherchen durchzuführen, die für die Entstehung dieses Buches wichtig waren. Sie widmet ihr Buch "all den Kindern, die nicht überlebt haben". Damit mehr Kinder überleben, müßte jede Lehrerin und jeder Lehrer diesen Tatsachenbericht lesen -- als Verpflichtung den Kindern gegenüber.

Heide Niemann
Quelle: DIE GRUNDSCHULZEITSCHRIFT 105/1997


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